Finanzamtabriss01

 

Offener Brief mit Forderungskatalog zum beschlossenen Abriss des Finanzamts an das Ministerium für Finanzen und Wissenschaft des Saarlandes

11.07.2024

Wir wehren uns entschieden gegen den nunmehr beschlossenen Abriss des Finanzamts am Stadtgraben 2-4, Saarbrücken!

Die Saarländische Baukultur der Nachkriegszeit gehört zur architektonischen Avantgarde, ist steinerne Landesgeschichte und Teil des europäischen Kulturerbes. Das Finanzamt – bekannt als das ‚Behördenhaus‘ – war das erste moderne Verwaltungsgebäude in Saarbrücken und wurde entsprechend der Stadtplanung von George-Henri Pingusson und dem Entwurf von Regierungsbaurat Walter Wundrack gebaut. Es ist bis heute ein qualitätvolles Zeugnis der französisch geprägten Wiederaufbaujahre an der Saar und der jungen Demokratie in Deutschland im Aufbruch des Saarlands nach Europa. Dies sind die Gründe, warum dieses Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde und diesen Status bis heute hat. Auf der Basis seines Denkmalschutz-Status ist ein Abriss des Finanzamts aktuell nicht in Übereinstimmung mit dem gesellschaftlichen dokumentierten Willen möglich. Ein Abriss würde insbesondere eine Zerstörung eines Teils unserer einzigartigen Baukultur und Landesgeschichte bedeuten (siehe auch Pressemitteilung des Landesdenkmalrats zusammen mit Vereinen der Architektur und Baukultur sowie der Landesgeschichte an der Saar vom 30.11.2023 und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vom 06.05.2024).

1. Forderung

Deshalb fordern wir:

Wenn das Finanzministerium des Saarlandes das Baudenkmal Finanzamt abreißen lassen möchte, ist zuvor ein Entzug des Denkmalstatus erforderlich, der durch einen transparenten, demokratischen Prozess abzulaufen hat. Dabei ist zu begründen, warum das Saarbrücker Finanzamt keinen Denkmalstatus mehr verdient.

Das Ergebnis eines solchen gesellschaftlichen, transparenten Diskussionsprozesses kann sein:

• Das Gebäude behält seinen Denkmalstatus.

• Das Gebäude behält seinen Denkmalstatus in Teilen.

• Das Gebäude verliert seinen Denkmalstatus.

Selbst bei Totalverlust des Denkmalstatus handelt es sich immer noch um ein Gebäude von beachtlicher Größe mitten in Saarbrücken. Seitens des Bundes und der Länder wird eine Vorreiterrolle beim Thema nachhaltiges Bauen in verschiedenen Selbstverpflichtungen postuliert, etwa durch Bauen im Bestand. Nachhaltigkeit im Bestand bedeutet, den Bestand nach Möglichkeit weitestgehend weiter zu nutzen und damit Müll und Energievernichtung zu vermeiden. Das Bauen in Deutschland ist aktuell für ca. 50% der gesamten Müllaufkommens verantwortlich. Ein Abriss des Finanzamtes würden den Müllberg weiter erhöhen. Jede Vermeidung eines (Komplett)-Abriss stellt damit einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz und zur Nachhaltigkeit dar. Bauen im Bestand unterstützt Klimaschutz und Denkmalschutz.

Desweiteren ist zu beachten, dass bei der Erstellung des Gebäudes bereits erhebliche Mengen Energie und Ressourcen verbraucht und erhebliche Mengen CO2 freigesetzt wurden. Die Berechnung des CO2-Äquivalents des Gebäudes, das durch eine Sanierung bzw. Umbau anstatt Abriss eingespart werden könnte, kann grob geschätzt werden: Das Gebäude ist ca. 12 m breit und 126 m lang und hat 6 Geschosse mit 236 Räumen. Die in der Stahlbetonkonstruktion, Betondecke und Betonaußenwänden steckende Energie beträgt grob geschätzt 30 Millionen kWh, die bei einem Abriss verfallen würden (Bei dieser Berechnung wurden die Innenwände nicht mitgerechnet, da diese bei Sanierung wahrscheinlich ebenfalls abgerissen würden). Die mit dem Abriss der Betonkonstruktion freigesetzte CO2-Menge wird daher auf mindestens ca. 7.150 Tonnen CO2 abgeschätzt. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus mit Ölheizung verursacht pro Jahr im Durchschnitt rund 5 Tonnen CO2, also entspräche der
CO2-Ausstoß des Finanzamts bei Abriss dem Jahresverbrauch an Heizöl von über 1.400 Einfamilienhäusern.
Ein Abriss des Finanzamts mit anschließendem Neubau würde erneut den Verbrauch mindestens der gleichen Menge Energie und die Freisetzung von CO2 in vergleichbarem Umfang verursachen wie der Bau des Bestandsgebäudes – ihn also verdoppeln – und damit die Zukunft der nachfolgenden Generationen zusätzlich belasten.
Die Konsequenzen der vom Menschen verursachten weiterhin steigenden CO2-Freisetzung sehen wir aktuell in Hochwasser, Dürren, Stürmen im Saarland, in Deutschland und in der Welt.
Im Zuge der Diskussion der Um- und Weiternutzung wird als Totschlagargument ins Feld geführt, dass es ein Gutachten gäbe, das eine Weiternutzung des Gebäudes aufgrund Mängel im Tragwerk nicht erlaubt. Der tatsächliche Untersuchungsauftrag sowie der Inhalt dieses Gutachtens ist allerdings nicht bekannt.

2. Forderung

Deswegen fordern wir:

1. Das zitierte Tragwerksgutachten zum Bestand ist öFentlich zu machen und hinsichtlich seiner Aussagen bezüglich einer Weiternutzung zu prüfen.

2. Es sind alle Optionen einer Um- und Weiternutzung des Finanzamtes unter den Bedingungen der Ergebnisse aus der ersten Forderung ergebnisoFen zu prüfen. Eine Berücksichtigung zukünftiger Nutzungswünsche ist dabei selbstverständlich. Die Untersuchung sollte allerdings ergebnisoFen auch in Hinsicht einer möglichen Weiternutzung erfolgen. Hierfür ist u. E. ein Wettbewerbsverfahren die beste gesellschaftliche Möglichkeit. Das DGNB – Snap – System (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen - Systematik für Nachhaltigkeitsanforderungen in Planungswettbewerben) sollte dabei Grundlage des Wettbewerbs sein. Dadurch wird eine abgewogene Berücksichtigung von Ökonomie, Funktion und Ökologie garantiert.

Das Ergebnis der 2. Forderung kann sein:

• Eine Weiter- bzw. Umnutzung ist möglich und kostenegizient umzusetzen.

• Eine Weiter- bzw. Umnutzung ist theoretisch möglich, aber nicht kostenegizient umzusetzen.

• Eine Weiter- bzw. Umnutzung ist nicht möglich.

Sollte sich also aus diesem Prozess ergeben, dass ein Abriss des Gebäudes zwar keine gute, aber die einzige Möglichkeit wäre, so würde sich auf einer zentralen Stelle in Saarbrücken eine Leerstelle ergeben. Tabula rasa. Dieses Grundstück hat aufgrund seiner Lage große Bedeutung für das Stadtbild, für das soziale Zusammenleben und die Entwicklung Saarbrückens. Aufgrund der Bedeutung und Lage dieses Grundstückes ist es gesellschaftlich, städtebaulich und architektonisch deswegen undenkbar, dass die Entscheidung, was mit diesem Grundstück passiert, einem privaten Investor überlassen wird, der hauptsächlich seinen privaten Interessen verpflichtet ist. Die Planungshoheit für den Städtebau liegt bei der Kommune, bei der Allgemeinheit und darf nicht leichtfertig aus der Hand gegeben werden.

3. Forderung

Deswegen fordern wir:

Sollte durch den o. g. gesellschaftlichen Prozess ein Abriss des Finanzamts die einzige verbliebene Option sein, so ist ein städtebauliches Wettbewerbsverfahren durchzuführen, das die Entwicklung dieses städtebaulichen Teilbereiches Saarbrückens untersucht, die Bürger und Kommune beteiligt und Optionen einer weitgehenden Nachhaltigkeit aufzeigt. Bei der Vergabe sollten regionale, nachhaltig arbeitende Handwerksbetriebe bevorzugt werden.

Saarbrücken, den 11. Juli 2024

Die Unterzeichnenden (in alphabetischer Reihenfolge)

arbakus e.V. – Archiv für Architektur und BauKultur Saar Großregion

Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Landesverband Saar e. V. Bund für Umwelt und Naturschutz BUND Ortsgruppe Saarbrücken

Deutscher Werkbund Saar

Energiewende Saarland e.V. Landesdenkmalrat

Professoren der Architektur an der htw saar / Schule für Architektur Saar: Prof. Jens Metz, Prof. Heiko Lukas, Prof. Ulrich Pantle

Saarbrücker Bürgerforum e.V.

Saarländischer Verein für Denkmalschutz e.V. Städtebaubeirat in der Landeshauptstadt Saarbrücken Stiftung Baukultur Saar

30. November 2023  - Pressemitteilung:  

Institutionen des Denkmalschutzes und der Architektur rufen auf: Rettet die Baudenkmale der Nachkriegszeit im Saarland!

Arbakus e.V, BDA Saar, Ortskuratorium Saarbrücken der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Historischer Verein für die Saargegend e.V. , HTW Saar / Schule für Architektur, Kommission für Saarländische Landesgeschichte e.V., Landesdenkmalrat, Saarländischer Verein für Denkmalschutz e.V. , Städtebaubeirat in der Landeshaupstadt Saarbrücken,  dwb werkbund saar

Aufgrund alarmierender Nachrichten über den Umgang der saarländischen Landesregierung mit den denkmalgeschützten Bauten der Nachkriegszeit rufen  regionale Akteure aus Architektur, Baukultur, Landesgeschichte an der Saar sowie des Denkmalschutzes nach einer Krisensitzung am 21.11.2023 die Landesregierung zu einem  öffentlichen Dialog auf, um den Wert und die Erhaltungsmöglichkeiten der historischen Bauwerke zu diskutieren.

Mit einer öffentlichen Debatte sollen die kulturellen und klimapolitischen Chancen des landeseigenen Denkmalbestands verdeutlicht und die geplanten Kahlschläge in der saarländischen Denkmallandschaft abgewendet werden:

  • Der Flugzeughangar des ehemaligen Flughafens Saarbrücken St. Arnual, vom französischen Gouverneur Gilbert Grandval 1946 in Auftrag gegeben, wurde bereits ohne zwingenden Grund abgerissen.
  • Das Finanzamt Saarbrücken, das erste nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete prominentGebäude in Saarbrücken soll abgerissen werden.
  • Der Bauunterhalt des Ministeriums für Bildung und Kultur, des sogenannte Pingusson-Gebäudes, wurde während des nunmehr zehnjährigen Leerstandes eingestellt und das Gebäude dem Verfall preisgegeben.
  • Bei dem weltweit einzigartigen Bau der Mensa der Universität des Saarlandes des Architekten Walter Schrempf und des Künstlers Otto Hajek (BDA Preis 1969) wird ebenfalls über einen Abriss diskutiert.
  • Die ikonische Autobahnraststtte Goldene Bremm (BDA Preis 1969), einstiges Aushängeschild an der deutsch-französischen Grenze, verfällt leerstehend seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Saarländische  Baukultur ist europäisches  Kulturerbe - ihr Abriss wäre ein Verlust von maßgeblicher Geschichte und Identität der Region

Die zum Abriss stehenden Denkmale sind Ikonen der saarländischen Baukultur der Nachkriegszeit und steinerne Zeugen der Zeit, in der die saarländische Architektur als deutsche Avantgarde galt, ein architektonisches Lesebuch der Landesgeschichte des Saarlandes. Sie sind in der Bundesrepublik einzigartige und für das Saarland wertvolle Zeitzeugen seiner Geschichte und damit von hoher, identitätsstiftender Bedeutung im Aufbruch des Saarlandes nach Europa.  Der Erhalt dieser Zeitzeugen passt daher hervorragend in die Frankreichstrategie der saarländischen Landesregierung. Sanierung und Revitalisierung dieser Bauten helfen, die von auswärtigen Besuchern wahrgenommenen und kritisierten Defizite der Ortsbilder saarländischer Städte zu beheben und das touristische Profil - wie von der IHK gefordert - zu schärfen. Ihr Erhalt ist deswegen im Interesse der  Öffentlichkeit und ein wichtiger Bestandteil der Landesgeschichte. Der verantwortungsvolle Umgang der   öffentlichen Hand mit denkmalgeschtzten Bauten dient darüber hinaus als vorbildhaftes Beispiel für Baudenkmäler, die sich in Privateigentum befinden.

Bauwende erforderlich, denn Bauen im Bestand ist nachhaltig und ressourcenschonend

Auch aus Gründen der Nachhaltigkeit ist ihr Erhalt wichtig: ein Neubau benötigt fast immer um ein Vielfaches mehr Ressourcen und Energie als das Bauen im Bestand, dies ist unstrittig. Reparaturen, Umbauten und Ertüchtigungen von Bestandsgebäuden anstelle von Neubauten sind ein großer Hebel zu mehr Klimaschutz  denn so werden Ressourcen, Baugrund und Baumaterialen optimal genutzt. Aktuell sind auf den Bausektor in Deutschland rund 90% der Rohstoffbedarfe, 55% der Abfallmenge und 40% der Emissionen zurückzuführen(1).
Ein Umdenken hin zu einer Umbaukultur ist daher ein entscheidender Schlüssel für den Klimaschutz. Zudem schont das Bauen im Bestand den Verbrauch neuer Flächen.

Denkmalschutz ist Klimaschutz

Denkmalschutz hat hier eine Vorbildfunktion, weil er per se ein im Kern nachhaltiges Prinzip ist (2). Jedes Gebäude, das nicht abgerissen und neu errichtet wird, hilft dabei, die den bestehenden Gebäuden innenwohnende Energie zu bewahren und so den CO2-Ausstoß zu verringern. Anstatt die vorhandene Bausubstanz zu pflegen und zu warten, sind zahlreiche bedeutende landeseigene Bauten in einem desolaten Zustand. Trotz des Leerstands der Gebäude entstehen dabei maßgebliche Unterhalts- und Sicherungskosten, für das Ministerium für Bildung und Kultur (Pingusson-Bau) beispielsweise fallen allein für die Miete des Ausweichquartiers 1,4 Millionen Euro pro Jahr an (SR: 10/23).

Die Denkmalschutz- und Architekturakteure rufen daher eindringlich dazu auf, denkmal- und klimaverträgliche Lösungswege fachlich und sachlich öffentlich mit einer Expertenrunde zu diskutieren.

(1) Bundesstiftung Baukultur: Neue Umbaukultur  Baukulturbericht 2022/23. Potsdam 2022, S. 25.

https://www.bundesstiftung-baukultur.de/publikationen/baukulturbericht/2022-23

(2) Deutsche Stiftung Denkmalschutz: 11 Schritte zu einer nachhaltigen Denkmalpflege. Bonn 2022.

https://www.denkmalschutz.de/leadmin/media/PDF/Brosch%C3%BCren/

220914_DSD_Nachhaltigkeitsbroschuere_Web_NEU.pdf

 

Anwesende Vertreter der Landesverbände  BauKultur, Denkmalschutz und Landesgeschichte Saar:

Landesdenkmalrat des Saarlandes

Henning Freese (Vorsitzender), Ruth Bauer (HVS), Prof. Markus Otto (AKS), Prof. Dr. Ulrich Pantle

(HTW)

Arbakus e.V. Archiv für Architektur und BauKultur Saar Großregion

Dr. Mona Schrempf, Carsten Diez

BDA Bund Deutscher Architekten und Architektinnen Saar

Mario Krämer, Stefan Kalkoffen

Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Ortskuratorium Saarbrücken

Ortskurator Prof. Markus Otto

Historischer Verein für die Saargegend e.V.

Ruth Bauer

htw saar / Schule für Architektur Saar

Prof. Heiko Lukas, Prof. Jens Metz, Prof. Dr. Ulrich Pantle

Kommission für Saarländische Landesgeschichte e.V.

Ruth Bauer, Dr. Wittenbrock

Saarländischer Verein für Denkmalschutz e.V.

Dr. Heidi Kügler

Städtebaubeirat in der Landeshauptstadt Saarbrücken

Carsten Diez

dwb werkbund saar

Oliver Brünjes, Marlen Dittmann

Weiterlesen: Umbau statt Abbau

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